Selbstkritik? Oder Selbstmitgefühl? Ziele besser erreichen im Beruf

SELBSTAKZEPTANZ. PLUS SELBSTMITGEFÜHL. DAS BEDEUTET: WEITERKOMMEN UND ZIELE BESSER ERREICHEN.

Selbstkritik und Selbstverurteilung - oder besser Selbstmitgefühl?

CL. / photocase.de

 

 

 

Wie gehen Sie mit sich selbst um, wenn Sie etwas vermasselt und in den Sand gesetzt haben? Wenn die Dinge überhaupt nicht so laufen, wie Sie es sich vorgestellt und gewünscht haben? Lassen Sie zu, dass Ihr „innerer Kritiker“ (das ist die innere Stimme in uns, die an uns rummäkelt) Sie dann noch mehr runterzieht? Indem er Sie mit Vorwürfen bombardiert wie „Ich habe dir ja gleich gesagt, das kann nichts werden.“ oder „Alle anderen sind besser als du.“ oder „Du kriegst ja nie etwas hin.“

Als überaus hilfreichen Ansatz in diesen Situationen – sowohl für meine Arbeit als auch für meine KundInnen als auch für mich selbst – habe ich das Konzept des „Selbstmitgefühls“ von Prof. Kristin Neff kennen- und sehr zu schätzen gelernt. Es besagt, dass wir in einer schwierigen Situation mit uns selbst wie mit einem guten Freund/einer guten Freundin umgehen sollten – also mitfühlend, verständnisvoll und freundlich. Klingt einfach, ist es aber nicht. Wir sind leider sehr daran gewöhnt, uns Vorwürfe zu machen, uns niederzumachen und uns selbst anzugreifen.

Selbstkritik und Selbstverurteilung: Die Messlatte ist (zu) hoch

„Selbstkritik ist in unserer Gesellschaft unglaublich verbreitet, vor allem unter Frauen“, stellt Kristin Neff in ihrem sehr lesenswerten Buch Selbstmitgefühl: Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden fest (S. 49).  „Die meisten von uns gehen unglaublich hart mit sich selbst ins Gericht …´Ich bin nicht gut genug´, reden sie sich ein, ´Ich bin wertlos´ … leider gibt es kaum jemanden, den wir so verurteilen und so schlecht behandeln wie uns selbst.“ (S. 16)

Das klingt hart. Ja, wir haben oft sehr hohe Erwartungen an uns selbst und legen unsere Messlatten zu hoch. Die Folgen von harter Selbstkritik und Selbstverurteilung sind Unsicherheit, Sorgen, Ängste und Depressionen. Anders als Selbstkritik, die fragt, ob wir gut genug sind, fragt das Selbstmitgefühl, was gut für uns ist, stellt Kristin Neff fest. Ja, warum sind wir dann nicht mitfühlender mit uns selbst?

Selbstmitgefühl: Ja, aber …

Der Hauptgrund dafür ist die Furcht vor Faulheit und Zügellosigkeit, legt Kristin Neff in ihrem Buch dar. Wir klammern uns immer noch an den Glauben, dass Selbstkritik, Selbstverurteilung und Selbstgeißelung nützlich und hilfreich für uns sind. Viele Leute gehen zudem davon aus, dass Selbstmitgefühl eine „warme Kuschelecke“ ist – in der wir uns selbst verhätscheln und in der wir nichts mehr tun. Wir befürchten, dass wir keinen Ehrgeiz mehr haben, wenn wir uns selbst mitfühlend und freundlich behandeln. Aber Forschungsergebnisse widerlegen genau das:

  • Selbstmitfühlende Menschen entwickeln mit größerer Wahrscheinlichkeit konkrete Pläne, um ihre Ziele zu erreichen. (S. 217) Selbstmitgefühl hilft uns, bedächtiger zu reagieren, wenn wir hinter unseren eigenen Ansprüchen zurückbleiben. Kritisieren wir uns und unser Versagen nicht so hart, bewahren wir das Vertrauen in unsere Fähigkeiten und können uns leichter zu einem neuen Versuch aufraffen. Selbstmitgefühl inspiriert uns und erzeugt eine mutige und zuversichtliche Einstellung in uns. So können wir uns weiterentwickeln und unsere Ziele besser erreichen.
  • „Selbstmitfühlende Menschen sind optimistischer, da sie wissen, dass sie mit eventuell auftretenden Problemen umgehen können. Sie haben die emotionale Kraft, mit allem fertigzuwerden, was auf sie zukommt.“ (S. 326) Selbstmitgefühl unterstützt uns dabei, uns bei Niederlagen selbst zu trösten und konzentriert unsere Ziele weiter zu verfolgen, anstatt vor Schwierigkeiten davonzulaufen und aufzugeben. Auf diese Weise können wir im Laufe der Zeit mehr Selbstvertrauen aufbauen.

Selbstakzeptanz: Ein hilfreicher erster Schritt

Ein guter Einstieg ins Selbstmitgefühl ist es, uns so anzunehmen, wie wir sind. Wir alle haben Eigenschaften, in denen wir gut sind und die uns Energie geben (unsere Stärken), Eigenschaften, in denen wir „nur“ durchschnittlich sind, und Eigenschaften, die uns nicht so liegen und die uns Energie rauben (unsere Schwächen).

Erstellen Sie, wenn Sie mögen, in einer ruhigen Minute drei Listen mit jeweils mindestens fünf Punkten zu diesen Fragen (S. 38/39):

  • Worin sind Sie gut?
  • Worin Durchschnitt?
  • Und was können Sie nicht so gut?

(Falls Sie kaum etwas finden, worin Sie gut sind, dann holen Sie sich bitte Unterstützung von außen. Fragen Sie KollegInnen und FreundInnen, was Sie an Ihnen schätzen und mögen, oder melden Sie sich gerne bei mir.)

Wie geht es Ihnen mit diesen drei Listen, wenn Sie sie erstellt haben? Ich hoffe, gut. Wir alle decken diese drei Bereiche ab, so sind wir Menschen eben. Und genau das verbindet uns miteinander – auch wenn es gerade mal nicht so gut läuft … Ein gutes Gefühl.